Wirtschaftsmotor schaltet lediglich einen Gang zurück.

Wirtschaft | Gastautor: Tilmann Galler | 01. Oktober 2021

Zahlreiche Anleger konnten sich seit Jahresbeginn sicherlich über hübsche Kurszuwächse freuen. Doch Vorsicht: Auf Dauer werden die Märkte dieses Tempo nicht halten können, zumal der Konjunkturmotor seine Drehzahl reduzieren dürfte. Grund zur Panik besteht nun aber nicht.

Vollgas statt Rückwärtsgang. Nachdem die globale Wirtschaft vor allem aufgrund der nach wie vor anhaltenden Corona-Pandemie im vergangenen Jahr um 3,8 Prozent schrumpfte, lief der Wirtschaftsmotor in den vergangenen Monaten wieder recht rund – der Notenbank- und der Fiskalpolitik sei Dank.

Neben der extrem expansiven Geldpolitik haben vor allem die gewaltigen Ausgabenprogramme der Staaten die Konjunktur aus den Tiefen der letztjährigen Rezession katapultiert. Konkret bedeutet dies: Die globale Wirtschaft dürfte in diesem Jahr um mehr als 6 Prozent wachsen, was deutlich über dem Durchschnitt von 2,9 Prozent der letzten 20 Jahre liegt. Dennoch müssen wir uns mit Blick auf das Jahresende und das nächste Jahr auf eine etwas unruhigere und letztendlich auch langsamere Reise einstellen. Mit einem voraussichtlichen Wachstum von 4,6 Prozent weist die globale Wirtschaft aber ein weiterhin recht erfreuliches Wachstumstempo auf. Die Konjunktur wird 2021 also voraussichtlich lediglich einen Gang zurückschalten.

Drei Warnsignale

Dennoch ist es für Anleger ratsam, auf Sicht zu fahren: Gleich drei Entwicklungen haben jüngst an den Kapitalmärkten für Unruhe gesorgt und einen ersten Hinweis auf die nachlassende Wachstumsdynamik gegeben. Erstens lässt die hochansteckende Delta-Variante die Infektionszahlen weltweit wieder steigen und verlangsamt die vollständige Erholung des Dienstleistungssektors. Zweitens halten die Angebotsengpässe weiter an. Die Knappheit bei Halbleitern und anderen Vorprodukten verhindert, dass die Industrie die große Nachfrage nach Gütern in vollem Umfang bedienen kann. Die Konsequenz sind steigende Preise, längere Lieferzeiten und eine stagnierende Produktion. Das dritte Warnsignal kommt von den US-Konsumenten. Die höchste Inflation seit 13 Jahren beginnt, den Amerikanern die Kauflaune zu verderben. Und das trotz Ersparnissen auf Rekordständen.

Gibt es für Anleger eine Möglichkeit die konjunkturellen Hindernisse zu umfahren? Wandelanleihen bieten sich in dieser Situation als eine interessante Anlagemöglichkeit an. Dabei handelt es sich um eine Unternehmensanleihe, die den Inhabern die Optionalität einräumt, während der Laufzeit die Anleihe in Aktien des Unternehmens zu tauschen. Die so genannten „Convertibles“ sind deshalb eine hybride Anlageklasse, die sich zwischen der Aktien- und Anleihenwelt befindet und entsprechend eine geringere Volatilität gegenüber der reinen Aktienanlage aufweist. Für eine Einschätzung über die Attraktivität spielen gleich drei Faktoren eine entscheidende Rolle: Die Bonität des Unternehmens, die Wertentwicklung und die Volatilität der Aktie.

Für die Aktienmärkte und die Bonität der Unternehmen spricht weiterhin, dass die Wirtschaft immer noch überdurchschnittlich wächst. Die Unternehmensgewinne werden im Kalenderjahr 2021 wahrscheinlich um knapp 40 Prozent steigen, während die Schätzungen für 2022 analog zur konjunkturellen Dynamik mit einem Plus von knapp zehn Prozent schon deutlich bescheidener ausfallen. Ein Gegenwind für Aktien sind aktuell die Bewertungen von über dem 20-fachen des zum Jahresende erwarteten Gewinns. Ein Indiz dafür, dass die positiven Gewinnerwartungen teilweise schon ihren Niederschlag im Aktienkurs gefunden haben und ein Dämpfer für die immer noch positiven Ertragserwartungen.

Generell waren die letzten Monate an den Aktienmärkten der Industrieländer außergewöhnlich ruhig. Der maximale Rücksetzer für europäischer Aktien liegt beispielsweise in diesem Jahr bei nur 4 Prozent. Wir erwarten, dass aufgrund der oben beschriebenen Risiken die Volatilität an den Aktienmärkten in der zweiten Jahreshälfte zunimmt. Für den Wert der Optionalität bei Wandelanleihen sind das gute Nachrichten, denn je höher die Volatilität, desto höher die Ertragschance der Option und umso höher der Preis.

In der kommenden Phase mit abnehmendem Wachstumstempo und zunehmenden Risiken sprechen also ein robuster Bonitätsausblick, die Erwartung moderat positiver Aktienmarktrenditen und eine höhere Volatilität für die stärkere Berücksichtigung von Wandelanleihen im Anlageportfolio.


Experte / Autor des Artikels:

Tilmann Galler – Kapitalmarktexperte bei J.P. Morgan Asset Management

Tilmann Galler

Kapitalmarktexperte bei J.P. Morgan Asset Management